Es ist der 7. .August 2027. Vor genau 100 Jahren haben Ferdinando Minoia/Giuseppe Morandi(I) mit einem Schnitt von 47,990 km/h die Mille Miglia in Sizilien gewonnen. Kurz vorher ist Charles Lindbergh als erster Pilot alleine über den Atlantik geflogen. Der erste vollsynthetische Kautschuk wird erfunden; einem New Yorker Biologen gelingt die erste Gen-Manipulation an einer Taufliege.
Thomas Mayer lümmelt in seinem Lehnsessel im Wohnzimmer, aus den Wandlautsprechern tönt leise Musik, während er diese Information auf seiner Infowand einer Worldnet*)-Seite entnimmt. Er könnte das Interface beim Weiterblättern auch mit der Sprachsteuerung bedienen, aber, da er alleine ist bevorzugt er mit ein paar Gesten seiner Hand den Screen zu steuern.
Der Raum ist sehr spartanisch eingerichtet. Wie es heute eben so üblich ist. Bücher findet man nur mehr in Museen, einzig ein paar Blumen, die sich Thomas hat schicken lassen geben dem Raum ein klein wenig Individualität.
Thomas gehört zu der großen Menge an Menschen die heute mal hier, mal dort mit Projektarbeiten beschäftigt sind. Oft werden Arbeiten überhaupt über Worldnet-Services verrichtet egal wo auf der Erde der Auftraggeber sitzt. Ja es kommt sogar vor, daß der direkte Auftraggeber eine Maschine ist. Ein anderes Worldnet-Service zum Beispiel.
Das Internet vom Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich rasant weiterentwickelt. Nachdem die Millionen von Internet-Benutzern langsam verstanden haben, daß die Anonymität im Netz nicht nur Vorteile hat haben sich bald Services entwickelt, wo die Identität der Teilnehmer auch im Netz sichergestellt ist.
Heute gibt es ein weltweites, sicheres Zertifizierungssystem mit allgemein gültigen Benutzerprofilen und Zugriffsregeln, wodurch sichergestellt ist, daß überall nur diejenigen Zutritt zu den Daten haben, die dazu berechtigt sind.
Nachdem dieses System weltweit funktionieren sollte, hatte man sich vor ein paar Jahren dazu durchgerungen sogar den Geheimdiensten NICHT den maximalen Zugriff zu gestatten.
Thomas hat sich jetzt eine alte Platte, “Light Years” von Jamiroquai aus dem Netz geholt. Die Musik, so wie alle anderen Daten, kommt aus der “Cloud”, d.h. aus dem weltweiten fast immer und überall verfügbaren Netz von Computern und Applikationen.
Es ist kühl an diesem Abend in Kiama, einer Kleinstadt am Meer im Südosten Australiens, 7 Grad etwa nur. Doch im Zimmer ist es angenehm. Das Klima wird nach den Profilangaben von Thomas automatisch eingestellt. Natürlich gibt es auch noch eine große Anzahl altmodischer Gebäude, wo man die Steuerung noch händisch bedienen muß. Aber die modernen Siedlungen, die für die globalen Zeitarbeiter gebaut wurden, bzw. Familien, die oft beruflich bedingt umsiedeln müssen, sind alle auf dem neuesten Standard.
Selbst der Lagerbestand in der Küche wird im Worldnet gespeichert, und wenn die Anwendung richtig konfiguriert ist wird auch automatisch nachgeliefert. Thomas blättert gerade durch das Veranstaltungsverzeichnis von Sidney und Umgebung, er findet einen netten Jazzclub, wo er noch hingehen möchte um den Abend ausklingen zu lassen. Die Band beginnt um 11.00 UTC (schon seit längerem werden zur Vereinfachung der Kommunikation sämtliche Zeitangaben weltweit nur mehr in UTC ***) angegeben), das entspräche 21.00 Uhr lokaler Zeit, zu spielen.
Er bestellt sich schnell eines der Elektrotaxis, die für die kürzeren Strecken gut geeignet, umweltfreundlich und günstig sind.
Kein Problem stellt es dar im Fahrzeug die angefangene Musikkonserve fertig zu hören. Worldnet weiß welche Services gerade benutzt werden und transformiert auf Wunsch die Musik gleich auf die Autolautsprecher. Im Fahrzeug stehen nebst den Nachrichten sämtliche anderen Dienste ebenfalls zur Verfügung.
Plötzlich bekommt Thomas eine Meldung auf sein Display. Sein Jobagent hat ihm einen neuen Auftrag in Spanien avisiert. Ein Projekt für mindestens zwei Monate. Er beschließt später im Lokal von seinem mobilen Worldkom-Gerät zu antworten. Sollte sich Thomas entscheiden den Auftrag anzunehmen, kann er selbstverständlich auch das Anmieten eines Wohnobjektes, den Umzug, den Flug – einfach alles gleich im Netz erledigen.
Wenn er dann in Spanien ankommt funktioniert sein digitaler Schlüssel schon um seine neue Wohnung aufzuschließen. Der Raum ist angenehm klimatisiert, Licht und Musik ist entsprechend der voreingestellten Parameter adaptiert, der Kühlschrank ist bestückt, die Kaffeemaschine wartet auf das GO-Kommando um einen Willkommenstrunk zu bereiten.
Eine der größten Auswirkungen des Worldnet-Netzes sind zweifellos die rechtlichen und politischen Aspekte. Denn wenn jemand in Australien Daten gespeichert hat und nicht weiß ob sie nicht vielleicht auf einem Server in Kenia liegen, dann ergibt das große Probleme hinsichtlich der Sicherheit der Daten. Außer es ist gewährleistet, daß alle beteiligten Länder, und es sind einstweilen nahezu alle Staaten der Erde in diesem Netz Mitglied, dieselben Standards verwenden und auch garantieren.
Sicher gibt es trotzdem immer wieder etwas Probleme, aber schon die Technik, auf die man sich dabei geeinigt hat, stellt hier ziemlich sicher, daß nicht viel passieren kann. Dies war nur möglich, weil man sich erstmals darauf geeinigt hat nicht nur das zu tun was den meisten Umsatz bringt, sondern hier wirklich eine nachhaltige Lösung gefunden werden konnte, die trotzdem jede Menge erfolgreiche Geschäftsmodelle unterstützt. Denn kostenlos ist dieses Netz natürlich nicht. Die hohen Infrastrukturkosten müssen ja bezahlt werden. Aber dieses Netz hat auch viele neuen Jobs und Anwendungen geschaffen. Denn schließlich müssen Waren, die vielleicht automatisch bestellt wurden trotzdem noch manuell geliefert werden.
Motor für diese Entwicklung war neben der Globalisierungswelle sicher auch die Enterprise 2.0-Entwicklung in den Anfängen des Jahrtausends; außerdem das zunehmende Bewußtsein der Benutzer, nicht nur Lieferanten für Marketingdaten zu sein. Die Emanzipation der Benutzer im weltweiten Markt hat dann die Einführung des Worldnet stark begünstigt und vorangetrieben.
Während Thomas im Jazzlokal sitzt, sich der packenden Musik hingibt, erledigt er zwischendurch noch etwas private Korrespondenz auf seinem Worldkom-Gerät.
Eine Freundin schildert ihm begeistert wie gut es ihr in ihrem neuen Domizil gefällt. Das totale Gegenteil von dem was heute üblich ist Yvonne wohnt in einem sogenannten Kulturreservat mitten in den Tiroler Bergen (ehemals Österreich) jetzt Teil der vereinigten Staaten von Europa, in einem herrlichen Blockhaus aus Holz – Blick hinunter ins Tal auf Felder und Wiesen. Mit einem wunderschönen alten Kachelofen, einem Holzherd in der Küche, und einem Hund, der auf der Terrasse liegt und diese den ganzen Tag “bewacht”.
Hier kann man sich Milch und Fleisch vom Bauern aus der Umgebung holen. Ohne sich zuerst durch die komplizierten Herkunftsetiketten im Worldnet “durchfressen” zu müssen.
Auch wenn der Mainstream anders funktioniert, aber wer genug Geld hat und sich ein Aussteigen leisten kann, der ist in solch einem Kulturreservat bestens aufgehoben.
Einzig die Sonne geht netzunabhängig, weltweit für alle noch immer gleich auf und unter. Und das herrliche Farbspiel des Himmels, ob nun von der Webcam live übertragen oder in Natura erlebt, ist noch immer wunderbar.
G. Pechoc, August 2010
Links zum Thema:
http://de.wikipedia.org/wiki/Cloud_Computing
http://enterprise20.wikia.com/wiki/Main_Page
http://en.wikipedia.org/wiki/Enterprise_social_software
http://www.eurecom.fr/util/publidownload.fr.htm?id=2908
http://ipsix.org/cms09safebook_commag.pdf
*) Worldnet = Kunstwort des Autors
Bezeichnung für ein neu zu standardisierendes Internet
**) Worldkom = Kunstwort des Autors Kommunikationsgerät vergleichbar einem Smartphone
***) UTC = Universal Time Coordinated (etwa GMT)